Eine Aktionswoche mit deutschem Beipackzettel – Rund um den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen ging es quer durch Workshops, Protestmärsche, Vorträge, Bahnhöfe, Innenstädte und Tourismusangebote, unterstützt und ermöglicht durch Aktion Mensch – der Organisation, die erklärt, dass Teilhabe möglich ist, während andere sie im Alltag gern noch verstecken bzw. im schlimmsten Fall noch immer nicht gefunden haben.


Unsere Aktionswoche war ein sehr anschaulicher Praxistest dafür, wie gut Deutschland das Thema Barrierefreiheit auf dem Papier beherrscht und wie viele Barrieren in der Praxis noch abgebaut werden müssen, damit endlich alle hier lebenden Menschen ein gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft werden können.


Technisch ist vieles möglich, organisatorisch manches vorhanden, und glücklicherweise trafen wir oft auf ein großes mitmenschliches Engagement, das uns vor dem Abbruch einer geplanten Aktion aufgrund fehlender Barrierefreiheit bewahrte. Es scheint, als würden all zu viele Entscheidungsträger/Innen diese immer noch als eine Option betrachten, obgleich ein gesetzlich verankertes Recht auf Teilhabe schon seit Jahrzehnten in Deutschland besteht.

Hier ein Resümee zu allen Teilzielen unserer Aktionswoche:

Inklusive Bildung – Friedrich-Dethloff-Schule, Waren – Wo Pioniergeist die Paragraphen fordert


Wirft man einen Blick auf die Friedrich-Dethloff-Schule, erkennt man schnell: Hier wird nicht einfach nur unterrichtet, hier wird gekämpft – und das mit einer bewundernswerten Portion Leidenschaft, während und obgleich Sachbearbeiter, Behördenleiter und Politiker mit einer, so scheint es, tiefen, fast schon romantischen Liebe zu ihren „verstaubten, überholten Paragraphen“ noch in diesen blättern.


Es ist beeindruckend, mit welcher Energie hier Lücken geschlossen werden – ob projektorientierter Unterricht, der Einsatz digitaler Medien oder die kreative Differenzierung im Schulalltag – das Team der Schule beweist, dass man Inklusion nicht aus einem Lehrbuch lernt, sondern sie durch tägliches Engagement und den Willen, kein Kind zurückzulassen, lebt. Dass bereits jetzt die „Praxisorientierte Berufsreife“ für 2026/27 steht – ein Bildungsgang, der Theorie und Praxis verbindet und jungen Menschen echte Chancen auf einen Schulabschluss und eine Ausbildung eröffnet, ist ein echtes Lichtblick-Signal – ein Beweis dafür, dass man in Waren Wege ebnet, wo andernorts Menschen, die überholten Paragraphen anhängen, unsere Kinder und unsere Gesellschaft gleichermaßen in eine Sackgasse führen.


Auf der einen Seite steht seit Jahrzehnten das Teilhabegesetz und glanzvolle Begriffe wie „Barrierefreiheit“ und „projektorientierter Unterricht“, auf der anderen Seite die Realität von 31 Kindern in einer Klasse und ein Lehrermangel, der so akut ist, dass man fast meinen könnte, (Sonder-) pädagogen seien eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Dass das Schulteam bei diesen Klassenstärken immer noch den Blick für das Individuum behält, grenzt fast schon an ein pädagogisches Wunder.


Genau dieser Mut ist die eigentliche Botschaft auch dieses Aktionstages. Es gibt seit langem gute Ansätze für eine gelungene Inklusion an Schulen, die Friedrich-Detholff-Schule in Waren oder aber die Bugenhagenschule in Hamburg Alsterdorf sind nur zwei Beispiele, die durch ihren Erfolg zeigen, wie es geht. Flexible Stundenmodelle, das skandinavische Modell, die Montessori-Pädagogik oder Beispiele gelungener inklusiver Schulcampi in anderen Ländern, sind auch für Deutschland praktikable Lösungen, die den heutigen Erfordernissen wegweisend Rechnung tragen, jeden Schüler bestmöglich individuell fördern, mit Blick darauf, Schulabschlüsse und einen guten Einstieg in das Berufsleben sicherzustellen. Sogar für hausgebundene und chronisch kranke junge Menschen, die umso dringender verlässliche Bildungsangebote benötigen, als dass viele von ihnen gezwungen sein werden, ihren Lebensunterhalt in Teilzeit zu erarbeiten, gibt es seit vielen Jahren das deutschlandweit einzige Abendgymnasium Nürnberg, welches diesen jungen Menschen einen Abschluss bis zum Abitur ermöglicht – ohne dass dieses Modell von den Behörden aufgegriffen würde. Es scheint immer noch nicht klar zu sein, dass auch ein Klassenzimmer im eigenen Zuhause ein Klassenzimmer ist – die Technik ist schon lange bereit dafür. Stattdessen muss sich diese Schule tagtäglich gegen überholte Paragraphen behaupten, auf die die Behördenmitarbeiter/Innen pochen, während sie das Teilhabegesetz unrechtmäßig ignorieren und jungen Menschen ihr Recht auf Bildung und Teilhabe absprechen.


Es ist jetzt an der Politik und Verwaltung, endlich aufzuwachen und zu merken, dass Investitionen in die Bildung von Menschen immer eine Rendite ist, die sich auszahlt. Es zahlt sich aus, den Pioniergeist von Schulteams, die für die gleichberechtigte Teilhabe aller brennen, mit den entsprechenden Mitteln zu unterstützen, anstatt Bildung und Kinder weiterhin als Einsparmodell zu benutzen. Wenn man sieht, was diese Schulteams aus von den Regelschulen längst aufgegebenen Kindern herausholen, kann man sich nur fragen, welche unglaublichen Dinge sie erreichen könnten, wenn sie das Werkzeug bekämen, das sie benötigen, ohne all ihre Kraft in Kämpfe um Fördermittel investieren zu müssen – ein Kampf gegen Behördenmitarbeitern, deren Aufgabe es wäre, jeden Einzelnen durch die Schaffung adäquater Rahmenbedingungen so zu unterstützen, dass Bildung und Abschlüsse möglich sind.


Inklusion darf nicht am fehlenden Absatz im Haushalt oder am Lieblingsparagraph einer Behörde scheitern. Wenn wir aufhören, Kinder als „Fallakten“ zu betrachten und sie stattdessen als Menschen mit dem Recht auf Teilhabe und ein erfülltes Leben sehen, sie auch als zukünftige Steuerzahler begreifen, wird Inklusion plötzlich nicht mehr nur eine moralische Pflicht, sondern ein verdammt gutes Geschäft. Die Vision eines inklusiven Campus ist zwar noch ein Traum, aber ein Traum, der so konkret ist, dass er eigentlich nur noch auf die entsprechende Unterstützung der zuständigen Behörden und Finanzierung wartet. Gefordert ist hier auch die Gesetzgebung, die durch den Erlass von Vorgaben für die Handhabung konkreter Situationen erst die Bedingungen schafft, durch die Sachbearbeiter/Innen und ganze Behörden endlich konkret verpflichtet werden, im Sinne des Teilhabegesetzes zu entscheiden. Erst dann kann aus dem Anspruch auf Inklusion Schritt für Schritt gelebte Wirklichkeit werden.


Dringend notwendig wäre parallel hierzu eine praxisnahe Lehramtsausbildung mit einer ebensolchen Theorie.

Werkstätten – 1. Arbeitsmarkt und Inklusion


Ein brennendes Thema der Woche war die Frage nach der Berechtigung von Werkstattarbeit und alternativen Angeboten. Die Diskussion wirkte dabei stellenweise wie ein Paralleluniversum: Arbeit wird verrichtet, Strukturen sind stabil, Anforderungen vorhanden – nur die Entgeltlogik scheint aus einem kreativen Sondermodell zu stammen.

Im Austausch mit der Hamburger Arbeitsassistenz wurde ein alternatives Konzept sichtbar: Einbindung und Unterstützung statt Abschottung, echte Vermittlung in den Arbeitsmarkt statt Dauerzustand im „Exil Behindertenwerkstatt“. Ein Modell, das fast revolutionär wirkt – vor allem deshalb, weil es bereits existiert.

Hotel Am Tiefwarensee – inklusiver Arbeitsalltag – Inklusion, die nicht nur in Pressemitteilungen wohnt


Ein Gegenmodell dazu zeigte sich im Hotel Am Tiefwarensee unter der Geschäftsführung von Anke Koth. Dort ist Inklusion Arbeitsalltag – kein Projekt. Menschen mit Behinderung arbeiten im regulären Betrieb, nicht als „Maßnahme“, sondern als Kolleginnen und Kollegen.
Ein Konzept, das in Deutschland gelegentlich Verwirrung auslöst, weil es die einfache Frage aufwirft: Warum funktioniert das hier – und anderswo braucht es dafür ganze Fördersysteme? Auch hier wurde offen über Werkstätten, Mindestlohn und Übergänge gesprochen. Die überraschende Erkenntnis: Teilhabe wird nicht schlechter, wenn man Menschen einfach arbeiten lässt.

Bahnreisen – Abenteuer mit überraschenden Nebenwirkungen


Der Bahnverkehr war ein besonders kreativer Teil der Reise. Im Fernverkehr zeigte sich Deutschland von seiner besten Seite: Platz, Rampen, Unterstützung, freundliches Personal. Kurz gesagt: Es funktioniert – sobald das System im „Planmodus“ läuft.


Im Regionalverkehr dagegen wechselte die Erfahrung oftmals in den Modus „wir improvisieren jetzt kollektiv“: Rampen werden gesucht wie seltene Artefakte,
Rollstuhlplätze erscheinen oder verschwinden je nach Zug, Fahrradabteile werden zu Mehrzweckräumen mit sehr optimistischer Definition von Barrierefreiheit. Wer weiß, wie lange wir unterwegs gewesen bzw. ob wir jemals angekommen wären ohne die vielen hilfsbereiten Zugbegleiter und den Mobilitätsservice, denen es immer wieder gelang, spontan Lösungen zu schaffen. Vielen herzlichen Dank!

Städte mit Charme, Kopfsteinpflaster und der ehrlichen Antwort: „Das war schon immer so“


Neustrelitz, Waren (Müritz), Rostock und Warnemünde haben vieles gemeinsam: eine historische, schöne Architektur und Atmosphäre – mit einer Vorliebe für Treppen als gestalterisches Grundelement. Barrierefreiheit taucht hier oft in einer Art Nebenrolle auf. Nicht als durchgängiges Konzept, sondern als gelegentliches Add-on. In Rostock wird der Stadthafen zum Beispiel nicht einfach erreicht – er wird gesucht. Fast wie eine Schnitzeljagd, nur ohne Karte, aber mit Treppen. In Warnemünde wiederum zeigt sich eine besonders deutsche Lösungskompetenz: Eine Rampe existiert – doch zweckentfremdet als Möbelablage, „da sowieso kaum Rollstuhlfahrer/Innen hier einkaufen“.

Zwischen all dem zeigte die Aktionswoche aber auch das andere Deutschland: Wenn Inklusion funktioniert, dann erstaunlich gut mit Menschen, die einfach machen, statt zu erklären. Gespräche mit Hanni Rostek, Sonja Groß und Max Hormann zeigten: Es gibt Wissen, Erfahrung und Engagement – nur leider wird dies von Behörden kaum in die Planungsprozesse einbezogen – obgleich es bspw. im Bausektor vorgeschrieben ist. Meist bleibt es erfahrungsgemäß bei einem Kreuz auf dem Antragsformular für Zuschüsse zu dem Punkt „Beratung durch eine Behindertenorganisation“ – eine Bedingung für die Bewilligung vieler Zuschüsse, denn die Umsetzung wird nicht überprüft. Es fehlen zwingende Vorgaben der Handhabung des Teilhabegesetzes auf allen Ebenen, damit barrierefreie Maßnahmen endlich auch umgesetzt werden.

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