Die Anreise von Neustrelitz nach Schwerin verlief zunächst positiv. Einmal täglich fährt ein schneller Regionalexpress von Berlin über Neustrelitz bis nach Schwerin, den wir um 8:12 Uhr nutzen konnten. Der Einstieg war barrierefrei möglich – dank ausfahrbarer Rampe. Je nach Bahnsteighöhe wurden unterschiedliche Türen genutzt, was insgesamt gut funktionierte. Im Zug erwartete uns ein großzügiges Abteil, in dem problemlos zwei Rollstühle Platz fanden. Auch ein Rollstuhl-WC war vorhanden. Mit rund acht Minuten Verspätung erreichten wir Schwerin. Da wir angemeldet waren, wurden wir von freundlichen Bahnmitarbeitenden empfangen und in die Empfangshalle begleitet.
Schwerin, mit knapp 100.000 Einwohnern eine eher kleine Landeshauptstadt, verfügt über eine Straßenbahn. Diese nutzten wir vom Hauptbahnhof bis zum Marienplatz. Dort begann gegen 12:30 Uhr mit ca. 300 Teilnehmer/Innen die Demonstration zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, in diesem Jahr unter dem Motto: “Menschenrechte sind nicht verhandelbar“. Vom Bertha-Klingenberg-Platz setzte sich der Demonstrationszug – begleitet von der Polizei – in Richtung Schlossplatz Schwerin in Bewegung. Hier wurde Vertretern des Landtags Mecklenburg-Vorpommern eine Petition überreicht und Reden gehalten, übersetzt von einer Gebärdendolmetscherin. Trotz des anhaltend leicht regnerischen Wetters war die Stimmung engagiert und entschlossen. Im Anschluss an die Demonstration fand eine gemeinsame Führung im Schweriner Dom statt. Er zeichnet sich durch eine gute Barrierefreiheit aus, ist befahrbar, und selbst der Hochaltarbereich wurde mit einer Rampe erschlossen.
Auf der Rückfahrt war im RE5 von Rostock in Richtung Neubrandenburg kein ausgewiesenes Rollstuhlabteil vorhanden. Stattdessen wurden wir über eine Rampe in das Fahrradabteil gebracht. wo die Sitzreihe mit eigentlich flexibel nutzbaren Klappsitzen durch einen Bügel sowie zwei Vorhängeschlössern blockiert waren. Dadurch entstand eine Einschränkung des ohnehin begrenzten Platzes im Zug. Die Begleitpersonen konnten nicht im selben Bereich bleiben, sondern mussten sich eine andere Sitzgelegenheit im Zug suchen. Im Hinblick auf flexible Nutzungsmöglichkeiten, ausreichend Platzangebot und die Mitnahme von Begleitpersonen, besteht hier deutlicher Verbesserungsbedarf.
Das am späten Nachmittag in Röbel besuchte „Bürgerforum der Landesministerin für Soziales“, Stefanie Drese, begeisterte insbesondere durch die Bürgernähe. Das Konzept, bei dem Regierungsmitglieder direkt in die Gemeinden reisen, um vor Ort spezifische Bedarfe zu ermitteln, wurde als effektiv und vorbildlich wahrgenommen. Ein Thema war die Ressourcenverteilung: Anstatt einer Pauschale strebt man eine bedarfsorientierte, ortsspezifische Zuteilung in Krankenhäusern, in der Pflege etc. an. Die Ministerin führt direkte Gespräche mit verantwortlichen Krankenhausdirektoren, notierte die Anliegen der Bürger – von privaten Problemen bis zu Vereinsangelegenheiten – und nahm diese zur weiteren Bearbeitung mit. Dieses Vorgehen sehen wir als direkten und wünschenswerten Gegenentwurf zur Praxis in Nordrhein-Westfalen – wohl wissend, dass Mecklenburg Vorpommern im Vergleich zu NRW nur wenige Einwohner hat, und ein/e Minister/In diese Aufgabe in NRW nicht allein bewältigen könnte, sondern Unterstützung bräuchte.
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Fazit:
Zum einen nehmen wir das Modell des Bürgerforums mit nach NRW und sind gespannt, ob die Anfragen im Bürgerforum wirklich Auswirkungen auf die Landespolitik in MV haben. Zum anderen kam bzgl. der Demonstration die Frage auf, ob ein einmal jährlich stattfindender Protesttag wirklich ausreichend Gelegenheit bietet, um die gleichberechtigte Teilhabe schwerbehinderter Menschen in unserer Gesellschaft voranzutreiben. Trotz Teilhabegesetze und Ratifizierung der UN-BRK in 2009 scheint Deutschland noch immer nicht wirklich „in die Puschen zu kommen“.




