Der vierte Tag der Projektwoche stand im Zeichen des Austausches, praktischen Einblicken und gelungenen Beispielen für Barrierefreiheit im Arbeitsleben, Sport und Freizeit.
Im Schmetterlingshaus, einem barrierefreien Nachbarschaftshaus, stellte unsere Gruppe im Anschluss an einen Vortrag über Betreuungsrecht interessierten Gästen das Konzept der Hamburger Arbeitsassistenz (HAA) vor.
Die Hamburger Arbeitsassistenz steht für eine gelungene Inklusion im Arbeitsleben
Die Hamburger Arbeitsassistenz (HAA) fungiert als spezialisierter Fachdienst für die berufliche Eingliederung von Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen in Hamburg. Das übergeordnete Ziel der Organisation ist es, die beruflichen Möglichkeiten dieser Zielgruppe zu erweitern, ihr Selbstvertrauen zu stärken und sie, entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten, Interessen und beruflichen Vorstellungen, systematisch auf dem Weg in ein sozialversiche-rungspflichtiges Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten und nachhaltig in das Arbeitsleben zu integrieren. Angestrebt wird eine möglichst selbstständige und gleichberechtigte Teilhabe am Berufsleben, die durch das Konzept der Unterstützten Beschäftigung (UB) erreicht werden soll. Auf der Grundlage der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung geht die HAA davon aus, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Behinderung das Recht auf eine gute Arbeit und faire Bezahlung haben. Um dies zu erreichen, unterstützt sie die Klientel, ihre beruflichen Belange gemeinsam zu gestalten und zu artikulieren und ermöglicht ihnen so eine aktive Interessenvertretung.
Zu Beginn steht die Ermittlung der persönlichen Interessen, Fähigkeiten und bisherigen Erfahrungen des Antragsteller. Auf dieser Grundlage werden realistische berufliche Ziele entwickelt und passende Tätigkeitsbereiche ausgewählt. Die HAA unterstützt dabei, Bewerbungsunterlagen zu erstellen, geeignete Betriebe zu finden, Vorstellungsgespräche vor-zubereiten und Praktika oder betriebliche Erprobungen zu organisieren. Da die üblichen Bewerbungsunterlagen bei der Klientel aufgrund ihrer chronischen Erkrankung bzw. Schwerbehinderung nie durchgehend vorliegen und sie gleichzeitig ihre Fähigkeiten oftmals schlecht zu vermarkten wissen, setzt die HAA auf eine gründliche Anamnese und zwei Coaches für jeden Teilnehmenden, während der gesamten Maßnahme von 27 Monaten hindurch, statt auf standardisierte Tests und die üblichen Bewerbungsunterlagen. Für die Vermittlung von Praktika setzen sich bspw. zuerst einmal die Coaches mit potentiellen Praktikastellen zu einem Gespräch zusammen. Erst wenn alles soweit geklärt werden konnte, kommen die Praktikant/Innen hinzu.
Die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Konfliktfähigkeit sowie die mitentwickelte App „Ina Coach“, unterstützen die Teilnehmenden zusätzlich, auch bei geringer Lesefähigkeit. Derart werden jährlich etwa 300 neue Praktika initiiert, die es den Teilnehmenden ermöglichen, Berufsfelder innerhalb eines breiten Spektrum kennenzulernen – von kaufmännischen Tätigkeiten bis hin zu Handwerk und Dienstleistung. Auch neurodivergente Personen, etwa aus dem Autismus-Spektrum, können so erfolgreich in teils hochqualifizierte Berufe vermittelt werden.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die Begleitung am Arbeitsplatz. Die erforderlichen Arbeitsabläufe werden gemeinsam eingeübt und verständlich erklärt. Bei Bedarf werden individuelle Arbeitshilfen, angepasste Arbeitsbedingungen oder strukturierende Maßnahmen entwickelt. Die Unterstützung trägt zudem dazu bei, Schwierigkeiten im Arbeitsalltag früh zu erkennen, um gemeinsam mit der betroffenen Person und dem Betrieb geeignete Lösungen zu finden.
Auch den Arbeitgeber/Innen steht die HAA beratend zur Seite. Sie informiert über die Fähigkeiten der jeweiligen Person, unterstützt bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes und begleitet die Einarbeitung. Durch regelmäßige Gespräche und eine enge Zusammenarbeit mit allen Beteiligten soll erreicht werden, dass das Arbeitsverhältnis langfristig stabil bleibt.
Um diese Ziele zu erreichen, setzt die HAA auf ein breites Spektrum an Maßnahmen, die sich an den jeweiligen Phasen des beruflichen Weges orientieren.
- Bereits im Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen Angebote wie die Ausbildungsvorbereitung (Av) Jugendliche und Migranten bei der Berufswahl.
- Für Schüler mit Behinderungen bietet das Netzwerk B.O: (Berufliche Orientierung inklusiv) eine vertiefte Orientierung, bei der Praktika angebahnt und begleitet werden, um individuelle Fähigkeiten zu erkennen.
- Für Menschen, die bereits erwerbslos sind oder einen neuen Weg suchen, gibt es gezielte Qualifizierungs- und Orientierungsangebote. Das Individuelle Betriebsorientierte Coaching (IBOC) hilft beispielsweise dabei, sich mit den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes vertraut zu machen. Über die Betriebliche Berufsbildung (BBB) wird eine längerfristige Qualifizierungsphase direkt in Betrieben ermöglicht.
- Auch Integrationspraktika (IP) dienen als Alternative zu Werkstätten für behinderte Menschen, um reale Arbeitserfahrungen zu sammeln.
Langfristig soll die Unterstützung dazu führen, dass die betreute Person ihre beruflichen Aufgaben weitgehend selbstständig ausführen kann und nur noch so viel Begleitung erhält, wie tatsächlich notwendig ist. Dabei werden die Ziele regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst. So wird die berufliche Entwicklung individuell gefördert und eine dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben erreicht.
Die HAA initiiert jährlich etwa 300 neue Praktika, die es den Teilnehmenden ermöglichen, Berufsfelder innerhalb eines breiten Spektrums kennenzulernen – von kaufmännischen Tätigkeiten bis hin zu Handwerk und Dienstleistung. Auch neurodivergente Personen, etwa aus dem Autismus-Spektrum, können so erfolgreich in teils hochqualifizierte Berufe vermittelt werden.
Trotz ihrer großen Erfolge sieht die HAA erhebliche strukturelle Hürden insbesondere für Neuanbieter auf diesem Sektor. Das Bundesteilhabegesetz habe zwar mit §60 SGB IX das Monopol der Werkstätten rechtlich aufgehoben und die Möglichkeit für „andere Leistungsanbieter“ geschaffen, doch der Aufbau solcher Angebote ist aufgrund hoher Startkosten, bürokratischer Hürden und fehlender Grundförderung extrem schwierig. Kaum jemand schafft es, die Starthürden zu überwinden. Um die Etablierung neuer Anbieter im Bereich der unterstützten Beschäftigung voranzutreiben, braucht es eine Sensibilisierung der Leistungsträger und eine Vereinfachung bürokratischer Prozesse.
Als Meilensteine werden das „Budget für Arbeit“ (§61 SGB IX) und das „Budget für Ausbildung“ (§61a SGB IX) betrachtet, die eine dauerhafte Förderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ermöglichen sollen. Als Lücken in der Versorgung benennt die HAA u.a. einen Mangel an qualifizierten Therapeuten für Menschen mit kognitiven Einschränkungen und in der praktischen Umsetzung eine fehlende pflegerische Assistenz am Arbeitsplatz.
https://www.hamburger-arbeitsassistenz.de/
https://www.hamburger-arbeitsassistenz.de/ueber-uns/veroeffentlichungen.html
https://www.youtube.com/watch?v=_k9p4A-F46g
Im Anschluss machte sich die Gruppe gemeinsam mit dem ABiMV auf den Weg zum Volksbad an der Müritz. Die traditionsreiche Anlage am Seeufer ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Barrierefreiheit im Freizeitbereich umgesetzt werden kann. Durch gezielte Investitionen wurde hier eine Infrastruktur geschaffen, die auch Menschen mit Mobilitätseinschränkungen den Zugang zum Wasser ermöglicht. Ein spezieller Hebearm erlaubt es, Rollstuhlfahrer/Innen sicher ins Wasser zu bringen. Ergänzt wird dies durch verschiedene Rampenlösungen: Eine lange Rampe führt schrittweise in die Müritz, während zusätzliche Treppenzugänge unterschiedliche Wassertiefen erschließen. Eine weitere flache Rampe ermöglicht es, mit geeigneten Rollstühlen direkt ins Wasser zu fahren. Auch Umkleiden und Sanitäranlagen sind vollständig barrierefrei gestaltet. Das Naturbad zeigt damit eindrucksvoll, wie inklusive Sport- und Freizeitangebote konkret umgesetzt werden können. Die Hamburger Barakilhalle bietet als deutschlandweit erste behindertengerechte Sporthalle ein adäquates Gegenstück im Innenbereich, ausgestattet mit Lärmdämmung für hörgeschädigte und Tasthilfen für blinde Menschen, Sportrollstühlen und entsprechenden Zugaben bei den Hallenflächen für das Ausrollen der Rollstühle bei Hockey- oder Basketballspielen, rollstuhlgerechte Duschmöglichkeiten uvm.
Am Nachmittag besuchte die Gruppe ein Inklusionshotel der Lebenshilfe am Tiefwarensee. Neben dem Hotel betreibt die Einrichtung zwei Gärtnereien, einen Landschaftspflegehof, eine Konditorei im Hotelgebäude als gastronomischen Begegnungsort, zwei integrative Kindergärten, drei Fördergruppen, Ambulant Betreutes Wohnen, drei Wohneinrichtungen, eine mobile Frühförderung sowie einen Berufsbildungsbereich mit Tischlerei, Schneiderei, Wäscherei, Keramikbereich und einer Großküche an, die rund 2.500 Essen täglich für eigene Bereiche, Schulen und Kindergärten produziert. Zudem werden täglich von 11:00 – 13:30 Uhr in der Kantine Mahlzeiten plus Frühstück angeboten. Der Werkstattbereich ist stadtweit in Waren verteilt – keine klassische „Werkstatt auf der grünen Wiese“, sondern dienstleistungsorientiert. Aktuell arbeiten 270 behinderte Mitarbeiter in den Werkstätten; 213 Fachkräfte übernehmen die Betreuung und Anleitung. Strukturell gilt die Einrichtung der Lebenshilfe als „zweiter Arbeitsmarkt“.
Der Berufsbildungsweg beginnt über das Renten- oder Arbeitsamt mit einem dreimonatigen Eingangsverfahren, gefolgt von zwei Jahren Praxis im Berufsbildungsbereich und einer Abschlussprüfung als Voraussetzung für die Beschäftigung im Betrieb. Vermittlungsbemühungen für den ersten Arbeitsmarkt umfassen Praktika und Außenarbeitsplätze. Bislang konnten leider nur sehr wenige Teilnehmende dauerhaft in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Gründe sind der hier herrschende hohe Leistungsdruck, eine zumeist mangelnde soziale Akzeptanz und wirtschaftliche Zwänge.
In der Debatte um Entlohnung wurde einerseits Kritik am fehlenden Mindestlohn und möglicher „Ausbeutung“ geäußert. Andererseits wird betont, dass die Werkstattarbeit das Selbstbewusstsein und damit Schritte zu mehr Selbständigkeit und eine soziale Stabilität in der Gemeinschaft fördert sowie Fähigkeiten deutlicher sichtbar macht. Zudem profitieren Werkstattbeschäftigte langfristig rentenrechtlich von höheren Rentenbeiträgen und Zuschüssen. Als eine denkbare Verbesserung stand ein Mindestlohnstandard im Raum, kombiniert mit staatlicher Kompensation für geringere Produktivität, um Ausgewogenheit zu schaffen. Anke Koth, ehemalige leitende Sozialamtsmitarbeiterin, die den bürokratischen Ablauf von innen heraus kennt und den Betrieb nunmehr seit vielen Jahren leitet, betrachtet Inklusion nicht als Projekt, sondern als Arbeitsalltag. Menschen mit Behinderung arbeiten im regulären Betrieb, nicht als „Maßnahme“, sondern als Kolleginnen und Kollegen – ein Konzept, das in Deutschland gelegentlich Verwirrung auslöst, weil es die einfache Frage aufwirft: Warum funktioniert das hier – und anderswo braucht es dafür ganze Fördersysteme? Die überraschende Erkenntnis: Teilhabe wird nicht schlechter, wenn man Menschen einfach arbeiten lässt.
Ein Teil der Gruppe nutzte anschließend die Zeit für einen Besuch im Müritzeum. Das moderne Naturerlebniszentrum widmet sich der einzigartigen Landschaft der Mecklenburgischen Seenplatte und bietet vielfältige Einblicke in Flora und Fauna der Region. Positiv hervorzuheben ist auch hier die barrierefreie Ausstattung: Ein Fahrstuhl ermöglicht den Zugang zu allen Ebenen, zudem stehen barrierefreie Sanitäranlagen zur Verfügung.
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Fazit:
Der vierte Tag der Aktionswoche verdeutlichte eindrucksvoll, wie wichtig individuelle Unterstützung und flexible Strukturen für die Teilhabe am Arbeitsleben sind. Die Hamburger Arbeitsassistenz zeigt, dass Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen durch persönliche Begleitung, praktische Erprobungsmöglichkeiten und passende Hilfsmittel erfolgreich in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass bürokratische Hürden, hohe Startkosten und fehlende Förderungen die Entstehung weiterer Angebote verhindern. Instrumente wie das Budget für Arbeit und das Budget für Ausbildung bieten wichtige Chancen, müssen jedoch konsequenter genutzt und weiterentwickelt werden.
Der Besuch des Inklusionshotels und der angeschlossenen Einrichtungen der Lebenshilfe hat gezeigt, wie vielfältig und praxisnah Teilhabe gestaltet werden kann. Menschen mit Behinderung erhalten dort nicht nur Beschäftigung, sondern auch berufliche Qualifizierung, soziale Anerkennung und Möglichkeiten zu mehr Selbstständigkeit. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt weiterhin durch Leistungsdruck, wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Vorbehalte erschwert wird. Besonders die Diskussion um eine angemessene Entlohnung macht deutlich, dass die Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden müssen. Insgesamt vermittelt das Konzept der Lebenshilfe jedoch, dass Inklusion im Arbeitsalltag gelingen kann, wenn Menschen nicht primär als „Maßnahmenteilnehmende“, sondern als gleichberechtigte Kolleginnen und Kollegen betrachtet werden.
Das Volksbad Waren/Müritz und die Barakilhalle in Hamburg belegen eindrucksvoll, dass Inklusion kein theoretisches Konzept bleiben muss, sondern durch eine konsequente Umsetzung barrierefreier Standards sowohl im Freizeit- als auch im Sportbereich die notwendige Grundlage für eine echte inklusive Gesellschaft schafft. Ob im Außenbereich eines Naturbads oder in der spezialisierten Ausstattung einer Sporthalle – diese Einrichtungen dienen als Vorbild dafür, wie Räume gestaltet sein müssen, um Menschen mit Behinderungen einen selbstbestimmten Zugang zu gesellschaftlichen Aktivitäten zu ermöglichen.
Der anschließende Besuch im barrierefreien Müritzeum rundete den Tag ab und machte deutlich, dass bauliche Maßnahmen für eine barrierefreie Gesellschaft oftmals gut umgesetzt werden, während es den Verantwortlichen im bildungs- und arbeitspolitischen Bereich noch kaum möglich zu sein scheint, im Sinne des Teilhabegesetztes zu planen und Entscheidungen zu treffen, um die gleichberechtigte gesetzlich verankerte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben in unserer Gesellschaft bestmöglich umzusetzen wie es die Aufgabe der Behörden wäre. Dies bedeutet, Bedarfe der Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen, statt veraltete Denkmuster und Paragraphen.







