Zu viele Aktionstage – zu wenig Inklusion

In dieser Woche finden wieder die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Bundesweit werden tausende Veranstaltungen stattfinden: Diskussionen, Begegnungen, Mahnwachen und Bildungsangebote. Sie erinnern daran, dass Menschenwürde und demokratisches Miteinander keine Selbstverständlichkeiten sind.

Bisher⬆️ – Unser Ziel⬇️

Die Stiftung gegen Rassismus stellt dabei den Schutz der Menschenwürde in den Mittelpunkt – ein Gedanke, der direkt auf Artikel 1 des Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verweist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Doch die gesellschaftliche Debatte dreht sich oft um Begriffe wie Migration, Integration oder Herkunft. Sie suggerieren, dass Menschen von außen erst in eine bestehende Ordnung integriert werden müssen. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass Teilhabe und Inklusion viel umfassender gedacht werden müssten.

Hier setzt ein wichtiger Gedanke an, den der Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen bereits 2023 in einem Schreiben an die Selbsthilfegruppe pro barrierefrei e.V. formulierte. Anlass war die 10-Jahresfeier des Kommunales Integrationszentrum Kreis Höxter im Schloss Rheder – eine Veranstaltung, die leider nicht barrierefrei war, obwohl die Selbsthilfegruppe explizit eingeladen worden war.

Professor Uslucan schrieb wörtlich:

> „Ich grüße Sie ganz herzlich. Wir haben uns am Dienstag im Schloss Rheder bei der 10-Jahresfeier ‚Kommunale Integration in Höxter‘ kennengelernt. Ich hatte Ihnen versprochen, mein Verständnis von ‚Integration‘ noch einmal schriftlich mitzuteilen. Leider gab es auf der Bühne nicht die Gelegenheit, das explizit zu machen.

Aber ich teile völlig Ihre Ansicht, dass ‚Integration‘ etwas ist, was alle angeht, und nicht nur die Zugewanderten.

Ähnliches habe ich bereits jüngst in einem Artikel zusammengefasst; denn was hier für Zuwanderer gesagt wird, trifft genau auch für Menschen mit Handicap bzw. einer ‚behindernden Umwelt‘ genauso zu:

‚Integration geschieht vor Ort‘ ist eine Floskel, die trotz ihrer Abgedroschenheit ihre Wahrheit nicht verloren hat. Allenfalls würde man heute den Begriff ‚Integration‘ durch ‚gleichberechtigte Teilhabe‘ ersetzen, wie wir es hier auch verwenden. Denn ‚Integration‘ hat immer implizit die Konnotation, die Bringschuld allein an die Zuwanderer zu richten (‘die sollen sich integrieren’); gesellschaftliche Teilhabe dagegen ist ein offenerer Begriff, der Zuwanderer, Staat und die Gesellschaft zugleich adressiert. Damit wird diese Begrifflichkeit auch einer zentralen sozialpsychologischen Einsicht gerecht, und zwar, dass menschliches Handeln stets im Kontext seiner sozialen Umwelt zu verstehen ist. Gerade im Kontext der gesellschaftlichen Teilhabe/Integration von Zuwanderern ist die Fokussierung allein auf das Individuum problematisch, weil sie bspw. im Scheiternsfall die Last bzw. die Verantwortung allein den Zugewanderten aufbürdet, das Scheitern als ein moralisches, kognitives oder motivationales Versagen deutet (so etwa als ‚Integrationsverweigerung‘), aber die überindividuell wirksamen Restriktionen (wie etwa Diskriminierung/gesellschaftliche Ausgrenzung) zu wenig in den Blick nimmt.‘“

Was hier über Zuwanderung gesagt wird, lässt sich problemlos auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen – insbesondere auf Menschen mit Behinderungen. Auch sie stoßen im Alltag immer wieder auf Barrieren, die nicht in ihrer Person, sondern in der Umgebung liegen.

Gerade in ländlichen Regionen, wie im Kulturlandkreis, dem Kreis Höxter, wird deutlich, dass das politische Engagement für Inklusion bislang eher überschaubar ist. Zwar gibt es engagierte Initiativen, Vereine und Selbsthilfegruppen, doch strukturelle Veränderungen schreiten nur langsam voran.

Die Selbsthilfegruppe pro barrierefrei e.V. mit Sitz in Bad Driburg fordert deshalb seit Jahren einen vergleichsweise einfachen, aber symbolisch wichtigen Schritt: Das bestehende Kommunale Integrationszentrum Kreis Höxter sollte zu einem Kommunalen Inklusionszentrum weiterentwickelt werden.

Alexander Bieseke (Pressesprecher) im Gespräch mit Feliz Elüstü vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter

Ein Integrationszentrum richtet seinen Fokus primär auf Zuwanderer. Ein Inklusionszentrum hingegen betrachtet die Gesellschaft als Ganzes – Menschen mit Behinderungen, soziale Unterschiede, kulturelle Vielfalt, Altersfragen und viele weitere Dimensionen der Teilhabe.

Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Er entsteht, wenn alle gemeinsam gedacht werden.

Einige Wochen nach den Internationalen Wochen gegen Rassismus folgt bereits der nächste Aktionstag: der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Auch dieser Tag ist wichtig, doch oft bleibt nach solchen symbolischen Terminen wenig übrig: Plakate werden aufgehängt, Veranstaltungen durchgeführt, Förderanträge abgerechnet – und danach kehrt der Alltag zurück.

Manchmal wirkt das ein wenig wie der sprichwörtliche „Tag der Zahnbürste“: gut, dass wir einmal darüber gesprochen haben.

I N K L U S I O N

Doch Inklusion entsteht nicht an einem Aktionstag. Sie entsteht im Alltag: in der Stadtplanung, in Schulen, in Vereinen, in Verwaltungen und in politischen Entscheidungen.

Vielleicht wäre genau das der entscheidende Schritt: weniger getrennte Debatten über einzelne Gruppen – und mehr Mut zu einem umfassenden Begriff von gesellschaftlicher Teilhabe.

Denn eine Gesellschaft, die ständig neue Kategorien bildet, läuft Gefahr, Menschen gegeneinander auszuspielen.
Eine inklusive Gesellschaft braucht das nicht.

Sie weiß längst:
Unterschiedlichkeit ist kein Problem.
Sie ist Realität.

Die Würde jedes Menschen zählt – ohne Ausnahme.

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