„Willkommen statt Hindernisse: Barrierefreiheit beginnt vor der Tür“

Alexander Bieseke

Rostock. Am fünften Tag unserer Inklusionsreise an die Müritz stand ein Ausflug nach Rostock und Warnemünde auf dem Programm. Die Fahrt erfolgte erneut mit dem RE5 und verlief zunächst erfreulich barrierefrei. Am Hauptbahnhof Rostock wurden wir bereits erwartet, da unsere Reise angemeldet war. Auch die strahlende Sonne erwartete uns in der Hansestadt. Nach der pünktlichen Ankunft ging es hinunter auf die zweite Tiefebene, wo wir problemlos die barrierefreie Straßenbahn nutzen konnten. Diese brachte uns bis zum zentral gelegenen Neuen Markt.

Von dort aus führte unser gemeinsamer Weg zunächst zur beeindruckenden St. Marienkirche Rostock. Die historische Kirche ist stufenlos erreichbar und wird derzeit aufwendig saniert. Besonders eindrucksvoll zeigte sich die prachtvolle Fürstenloge mit dem gewaltigen Orgelprospekt darüber. Trotz der Baustellenatmosphäre war der Besuch sehr sehenswert.

Beeinduckende Fürstenloge

Nach der Besichtigung teilte sich unsere Gruppe. Zwei Teilnehmer wollten den Stadthafen erkunden und standen dabei schnell vor einem typischen Problem vieler Städte: fehlende Ausschilderung für Menschen mit Behinderungen. Die große Treppenanlage hinunter zum Hafen bot keinerlei Hinweise darauf, wie Rollstuhlfahrende den Höhenunterschied überwinden können. Erst nach längerer Suche entdeckten wir zufällig einen Aufzug in einem Parkhauszugang, der uns schließlich hinunter zum Stadthafen brachte.

Gerade hier wurde deutlich: Barrierefreiheit endet nicht bei einem einzelnen Aufzug. Es fehlt eine durchgängige und sichtbare Wegeführung für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Wer auf einen Rollstuhl angewiesen ist, muss sich oftmals mühsam seinen Weg selbst suchen – auf Kosten von Energie, Zeit und oftmals auch der Akkuleistung elektrischer Rollstühle.

Im Verlauf des Tages trafen wir zudem auf Max Hormann, der für die Linken im Landtag in Schwerin tätig ist. Im Gespräch zeigte er ein offenes Ohr für die Belange von Menschen mit Behinderungen – auch mit Blick auf seine Heimatstadt Rostock.
Ganz nebenbei sei erwähnt, dass Eva-Maria Kröger von den LINKEN Oberbürgermeisterin der 211000 Einwohner zählenden Hansestadt ist. Dabei machte er deutlich, dass ihm viele bestehende Probleme und Barrieren im Stadtgebiet durchaus bekannt sind und hier weiterhin Handlungsbedarf besteht.

Am Nachmittag ging es mit der Straßenbahn zurück zum Hauptbahnhof Rostock. Von dort wollten wir mit der S1 weiter nach Warnemünde fahren. Aufgrund eines Notfalleinsatzes endete die Fahrt jedoch vorzeitig bereits in Warnemünde-Werft. Von dort aus führte der Weg entlang der Werftanlagen weiter Richtung Bahnhof. Schon unterwegs bot sich ein eindrucksvoller Blick auf große Schiffe, die den Hafen anliefen, während auf der Warnow reger Betrieb herrschte.

In Warnemünde selbst fuhren wir entlang des Alten Stroms durch die historische Altstadt. Dabei zeigte sich erneut ein gemischtes Bild beim Thema Barrierefreiheit. Viele Geschäfte befinden sich in alten Gebäuden mit erhöhten Eingängen, die ursprünglich dem Hochwasserschutz dienten. Dadurch sind zahlreiche Läden nur über mehrere Stufen erreichbar. Manche Betreiber versuchen inzwischen, mit gemauerten Rampen Lösungen zu schaffen – doch nicht überall ist dies praktikabel.

Besonders nachdenklich machte uns eine Situation vor einem Geschäft, dessen vorhandene Rampe vollständig mit Kleiderständern und einem großen Tisch zugestellt war. Auf unsere Nachfrage erklärte die Betreiberin, man würde die Gegenstände zwar entfernen, wenn ein Rollstuhlfahrer komme – allerdings kämen „nur drei Rollstuhlfahrer im Jahr“. Die Antwort eines Teilnehmers darauf lautete sinngemäß: Vielleicht würden deutlich mehr Menschen mit Behinderung kommen, wenn sie sich von Anfang an willkommen fühlen und nicht erst darum bitten müssten, Hindernisse aus dem Weg räumen zu lassen.

Erfreulich war dagegen die Situation an der Mole von Warnemünde. Dort gelangten wir mit den Rollstühlen problemlos bis zu den Leuchtfeuern. Die gesamte Mole ist stufenlos gestaltet und sehr gut befahrbar. Auch der breite Strandzugang am berühmten Leuchtturm Warnemünde sowie am Teepott Warnemünde fiel positiv auf. Breite Betonrampen und befestigte Wege ermöglichen dort vielen Rollstuhlfahrern einen vergleichsweise unkomplizierten Zugang bis an die Ostsee.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang am Strand kehrten wir am Abend in das K25 ein. Das Restaurant war barrierefrei erreichbar, verfügte jedoch nicht über eine eigene barrierefreie Toilette. Positiv hervorzuheben ist allerdings, dass sich in unmittelbarer Nähe eine öffentliche, mit Euroschlüssel nutzbare Toilette befindet. Besonders freundlich war zudem, dass einem unserer Rollstuhlfahrer direkt ein Platz an einer Steckdose angeboten wurde, damit der Elektrorollstuhl während des Essens geladen werden konnte.

Bei der Rückkehr nach Rostock erreichten wir den Hauptbahnhof pünktlich zur geplanten Abfahrt um 20:37 Uhr. Dort entstand erneut eine Diskussion über die Anmeldung von Rollstuhlfahrern im Bahnverkehr. Zwar bestätigte der Zugbegleiter selbst, dass eine Anmeldung rechtlich nicht notwendig sei, vertrat jedoch gleichzeitig die Auffassung, man solle diese dennoch grundsätzlich vornehmen. Unsere Forderung nach einer selbstverständlichen und spontanen Nutzbarkeit des Bahnverkehrs ohne Voranmeldung bezeichnete er dabei als „ideologisch“.

Besonders problematisch war in diesem Zusammenhang, dass der eingesetzte Zug offenbar ohne spezielles Rollstuhlabteil unterwegs war. Vermutlich deshalb war auch keine Rampe vorhanden oder verfügbar. Das Bahnpersonal musste zunächst nach einer Lösung suchen, um überhaupt einen barrierefreien Einstieg zu ermöglichen. Schließlich wurde einige Zeit später von einem anderen Zug an einem anderen Gleis eine mobile Rampe ausgeliehen, die dann sowohl in Warnemünde als auch später erneut in Neustrelitz zum Einsatz kam. Erst dadurch konnte den Rollstuhlfahrern das sichere Aus- und Umsteigen ermöglicht werden.

Auch im Fahrradabteil, in dem wir schließlich untergebracht wurden, gab es keine Rollstuhltoilette. Gerade auf längeren Fahrten stellt dies für Menschen mit Behinderung eine erhebliche Einschränkung dar und zeigt deutlich, dass Barrierefreiheit im Bahnverkehr noch längst nicht durchgehend umgesetzt ist.

Trotz dieser Schwierigkeiten fiel der Pendelverkehr zwischen Rostock und Warnemünde insgesamt positiv auf. Dort verkehren Züge im 20-Minuten-Takt, die über automatisch ausfahrbare Einstiegshilfen verfügen und Rollstuhlfahrern ein selbstständiges Einfahren in großzügige Mehrzweckbereiche ermöglichen. Dieses Angebot zeigt, dass barrierefreie Mobilität funktionieren kann – wenn Ausstattung, Planung und Haltung konsequent auf Teilhabe ausgerichtet werden.

Cordula fotografiert die Astronomische Uhr
Andreas und Alexander vor der Marienkirche
Möwenbrunnen auf dem Neuen Markt
Riesenrad in Warnemünde
Cordula mit ihrem Assistenzhund am Wasser
zugestellte Rampe
nicht zugestellte Rampe
Möwe über Zaum am Wasser
Andreas am Leuchtfeuer
Boot des Such- und Rettungsdienstes
Teepott und Leuchtturm in Warnemünde von Weitem
Bastian genießt den Strand
Teepott und Leuchtturm in Warnemünde von Nahem
probarrierefrei
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