Alexander Bieseke

Waren (Müritz). Am sechsten Tag der Inklusionsreise stand erneut ein Ausflug nach Waren (Müritz) auf dem Programm. Von dort sollte es weiter in den Nationalpark Müritz nach Federow gehen – mit verschiedenen Aussichtspunkten und Naturerlebnissen mitten im größten Nationalpark Deutschlands. Bereits gegen 10 Uhr machten sich die ersten Teilnehmer wie gewohnt mit dem RE5 auf den Weg nach Waren.

Doch erneut zeigte sich: Selbst gut geplante inklusive Reisen bleiben im Alltag häufig von Unsicherheiten begleitet. Der Regionalexpress verspätete sich zunächst um rund 20 Minuten. Nach der Ankunft in Waren führte der Weg zunächst hinauf zur historischen St. Georgenkirche oberhalb der Altstadt.

Die Kirche selbst ist grundsätzlich barrierefrei erreichbar – allerdings nur mit erheblichem Aufwand. Rollstuhlfahrer müssen sich zunächst über unebenes und teilweise schwer befahrbares Kopfsteinpflaster bis zum Haupteingang bewegen, um dort überhaupt auf sich aufmerksam machen zu können. Anschließend bleibt oft nur, Passanten anzusprechen und diese zu bitten, in der Kirche Bescheid zu geben, dass ein Rollstuhlfahrer Einlass benötigt. Erst danach wird eine seitliche, stufenlose Tür geöffnet. Eine Ausschilderung oder erkennbare Hinweise auf den barrierefreien Zugang fehlen vollständig.

Damit zeigte sich erneut ein typisches Bild vieler historischer Altstädte: wunderschöne Gebäude und historische Atmosphäre auf der einen Seite – massive Barrieren auf der anderen. In zahlreiche Geschäfte führen vier, fünf oder noch mehr Stufen. Oft lassen sich diese Eingänge auch nicht einfach durch mobile Rampen lösen. Für Waren bleibt dies weiterhin eine große Herausforderung.

Auch auf dem Marktplatz zeigte sich, dass Barrierefreiheit und Teilhabe nicht nur an baulichen Hürden scheitern. In einer dort ansässigen Stadtbäckerei wurde einer Reisegruppe der Aufenthalt mit Assistenzhund auf ausdrückliche Anweisung der Geschäftsleitung verweigert. Trotz Temperaturen um lediglich 10 Grad Celsius konnte ein kurzer Imbiss daher nur auf der Außenterrasse eingenommen werden. Ein Hinweis auf die geltende Rechtslage und die besondere Stellung von Assistenzhunden änderte an der Entscheidung nichts.

Während des Rundgangs erhielt ein Teil der Reisegruppe schließlich die Information, dass sich die Interessenlage einzelner Teilnehmer verändert habe. Der bereits vorbereitete Ausflug nach Federow wurde daraufhin kurzfristig verworfen – trotz organisierter Unterstützung und vorhandener Möglichkeiten für Rollstuhlfahrer. Der Behindertenverein an der Müritz hatte Unterstützung organisiert, ein rollstuhlgerechtes Fahrzeug stand bereit und auch die technische Reichweite eines Elektrorollstuhls hätte die rund sieben Kilometer lange Strecke problemlos ermöglicht.

Stattdessen entschied sich die Gruppe spontan dafür, das gute Wetter für eine Schifffahrt auf der Müritz zu nutzen. Telefonisch wurden zwei Rollstühle angemeldet.

An der Steinmole zeigte sich dann erneut die Diskrepanz zwischen „grundsätzlich möglich“ und tatsächlich barrierefrei. Zwar konnte ein Zwischendeck über eine stabile Rampe erreicht werden, doch danach begann das nächste Hindernis: Eine hohe Kante zum Fahrgastraum machte eine zusätzliche mobile Rampe notwendig, die erst mühsam herbeigetragen werden musste.

Noch problematischer erwies sich die steile Rampe hinunter in den eigentlichen Fahrgastraum. Diese stellte für Rollstuhlfahrer eine erhebliche Gefahrenquelle dar. Auch die angekündigte Rollstuhltoilette erfüllte die Anforderungen kaum. Zwar war die Tür ausreichend breit, doch der Raum war mit Reinigungsutensilien und weiteren Gegenständen vollgestellt. Ein problemloses Rangieren mit dem Rollstuhl war kaum möglich. Zusätzlich funktionierte die Toilettenspülung nicht ordnungsgemäß und musste provisorisch betätigt werden.

Insgesamt hinterließ das Schiff aus Sicht der Barrierefreiheit keinen guten Eindruck. Nach Aussagen vor Ort soll es jedoch das einzige Schiff an der Müritz sein, das überhaupt Elektrorollstühle befördert – ein Umstand, der die eingeschränkten Möglichkeiten für mobilitätseingeschränkte Menschen in der Region deutlich macht.

Während der Schiffsfahrt verließ ein Teilnehmer der Reisegruppe in Rechlin das Schiff, um den Nationalpark mit dem Bus weiter zu erkunden. Anschließend kontaktierte er die MVVG Mecklenburg-Vorpommersche Verkehrsgesellschaft mbH beziehungsweise die Mobilitätszentrale Mecklenburgische Seenplatte, um sich nach den Möglichkeiten des „Müritz rundum“-Busverkehrs zu erkundigen. Fahrräder können dort problemlos ohne Anmeldung mitgenommen werden. Für Rollstuhlfahrer konnte jedoch keine verbindliche Aussage getroffen werden, ob ein Bus mit Fahrradtransport gleichzeitig auch Rollstühle befördert.

An der Haltestelle „Rechlin Museum“ traf die Linie 9 schließlich pünktlich ein und war tatsächlich barrierefrei nutzbar. Allerdings verfügt der Bus lediglich über einen einzigen Rollstuhlplatz. Ein zweiter Rollstuhlfahrer hätte nicht mitgenommen werden können.

Auch die Rückreise verlief erneut nicht reibungslos. Der Einstieg in den RE5 in Waren gelang erst nach längerer Suche nach einer funktionierenden Rampe. Dadurch entstand erneut eine Verspätung von etwa 15 Minuten auf der Weiterfahrt Richtung Neustrelitz.

Der sechste Tag der Inklusionsreise machte damit erneut deutlich: Vieles ist heute theoretisch möglich – praktisch scheitert Barrierefreiheit jedoch oft an fehlender Beschilderung, improvisierten Lösungen, mangelnder Planung oder fehlenden Kapazitäten. Gerade in touristischen Regionen und Nationalparks bleibt echte Teilhabe für Menschen mit Behinderungen vielerorts noch immer eine Herausforderung.

nicht barrierefreier Zugang zur St. Georgenkirche
Altarbereich der St. Georgenkirche
Anlegestelle für das Schiff Diana
Hanni empfängt die Reisegruppe am Hafen Steinmole
Die Reisegruppe hat das Schiff Diana betreten.
Die Diana verlässt den Hafen.
Während der Schifffahrt sind viele Boot zu sehen.
probarrierefrei
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