Alexander Bieseke
Der siebte Tag der Inklusionsreise an die Müritz begann mit einem gemeinsamen Frühstück. Bereits gegen 9 Uhr verließen die ersten Teilnehmenden das Hotel, um den trockenen Vormittag zu nutzen und noch einmal Neustrelitz mit Schlosspark, Schlossanlage und Innenstadt zu erkunden. Doch auch an diesem Tag zeigte sich schnell: Für Menschen mit Behinderung ist selbst eine touristisch geprägte Stadt noch immer voller Hürden.
Schon auf dem Weg durch Neustrelitz wurden die Probleme deutlich sichtbar. Rund um den großen Marktplatz dominiert schwer befahrbares Kopfsteinpflaster. Gerade für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer stellt dies eine enorme Belastung dar. Kritisch fällt auf, dass es über den weitläufigen Marktplatz keine durchgehende, ausreichend breite barrierearme Querungsmöglichkeit gibt. Eine befestigte Spur oder ein barrierefreier Weg in Kreuzform hätte hier große Verbesserungen schaffen können.
Gegen 9.30 Uhr erreichte die Gruppe die Stadtkirche. Sowohl auf Hinweistafeln als auch bei Google waren Öffnungszeiten von 10 bis 12.30 Uhr angegeben. Da noch Zeit war, führte der Weg zunächst weiter in den Schlosspark Neustrelitz. Dieser beeindruckt zwar mit seiner historischen barocken Anlage und seiner besonderen Atmosphäre, offenbarte jedoch ebenfalls erhebliche Defizite bei der Barrierefreiheit. Orientierungshilfen oder Wegweiser für Rollstuhlfahrer fehlen nahezu vollständig. Für mobilitätseingeschränkte Besucherinnen und Besucher ist die Orientierung dadurch unnötig kompliziert.
Enttäuschend war zudem, dass die Wasserspiele trotz sonnigen Wetters am 9. Mai noch nicht in Betrieb waren. Auch die Orangerie, die laut Informationen eigentlich geöffnet sein sollte, blieb verschlossen. Gleiches galt für die Schlosskirche, die laut Internetpräsenz von Mai bis Oktober täglich ab 10 Uhr geöffnet sein sollte. Eine Besichtigung des Innenraums war somit ebenfalls nicht möglich.
Nach mehreren Fotoaufnahmen und einer weiteren Runde durch den Schlosspark ging es zurück Richtung Innenstadt, um nun die Stadtkirche zu besichtigen. Doch auch dort wartete die nächste Enttäuschung: Trotz der angekündigten Öffnungszeiten blieb die Kirche geschlossen.
Zusätzlich fiel auf, dass in der Innenstadt und rund um den Marktplatz kaum Hinweise auf barrierefreie Toiletten vorhanden sind. Erst durch Nachfragen bei Passanten konnte die Gruppe auf die Toilettenanlage an der Tourist-Information hingewiesen werden. Allerdings hatte diese lediglich bis 12 Uhr geöffnet. Eine bessere Ausschilderung und dauerhaft zugängliche barrierefreie Sanitäranlagen wären dringend notwendig.
Positiv hervorzuheben ist hingegen die moderne Toilettenanlage am Bahnhof Neustrelitz. Auch wenn die Funktionsfähigkeit nicht getestet wurde, machte die Anlage einen neuen und gepflegten Eindruck.
Am Bahnhof Neustrelitz zeigte sich zudem, dass die aktuellen Bauarbeiten abgeschlossen waren und die Züge in Richtung Rostock und Berlin wieder stündlich verkehren können. Während der Arbeiten waren die Gleise 3 und 4 gesperrt, weshalb der gesamte Verkehr über Gleis 2 abgewickelt wurde. Die wichtige Verbindung zwischen Berlin und Rostock war dadurch zeitweise nur noch im Zweistundentakt bedient worden. Rückblickend wäre die Reise eine Woche später vermutlich deutlich entspannter verlaufen.
Wie bereits bei der Hinfahrt wurden die Koffer durch ein Taxiunternehmen direkt zum Bahnhof transportiert. Dadurch konnte die Gruppe den Vormittag ohne Gepäck in Neustrelitz verbringen – eine große Erleichterung für alle Beteiligten.
Die anschließende ICE-Reise verlief erfreulich problemlos. Der Zug nach Karlsruhe hatte lediglich acht Minuten Verspätung. Finn unterstützte Alexander beim Einstieg mit dem Rollstuhl in den Zug, während Alexander selbst die wenigen Stufen vor dem Einstieg bewältigte. Kurz darauf wurde auch Cordula gemeinsam mit ihrem Rollstuhl und Bonny auf dem Schoß per Hublift sicher in den Zug gebracht.
Im ICE standen zwei reservierte Rollstuhlstellplätze zur Verfügung, sodass die Fahrt angenehm und entspannt verlief. Besonders positiv wurde die große, saubere und funktionierende Rollstuhltoilette bewertet.
Auch der Ausstieg in Göttingen funktionierte reibungslos. Mitarbeitende der Deutschen Bahn empfingen die Reisegruppe direkt am Zug und begleiteten sie zum Anschlussgleis der NordWestBahn Richtung Ottbergen und Bad Driburg.
Der Tag zeigte erneut zwei Seiten: Einerseits beeindruckende historische Orte, schöne Parkanlagen und funktionierende Unterstützung im Bahnverkehr. Andererseits aber auch zahlreiche Barrieren, fehlende Informationen und geschlossene Einrichtungen trotz offizieller Öffnungszeiten. Die Reise macht damit weiterhin deutlich, dass Inklusion und Barrierefreiheit in vielen Bereichen noch längst nicht selbstverständlich sind.




