Ein Erfahrungsbericht aus Thüringen – eingeordnet von pro barrierefrei e.V.

Seit nunmehr 25 Jahren gibt es das Persönliche Budget nach dem 9. Sozialgesetzbuch. Für viele Menschen mit Behinderungen bedeutete es einen Wendepunkt: Statt fremdbestimmt durch Pflegedienste zu sein, können sie selbst Assistenzkräfte einstellen und über Art, Umfang und Zeitpunkt der Unterstützung entscheiden. Wie sehr dieses Instrument zu einem selbstbestimmten Leben beiträgt, zeigt das Beispiel von Torsten Theuerkauf aus Erfurt.
Torsten Theuerkauf lebt seit seiner Geburt mit Lähmungen aller Gliedmaßen. Viele alltägliche Handgriffe – etwa das Schließen von Knöpfen – sind für ihn allein nicht möglich. Unterstützt wird er dabei von persönlichen Assistenzen, unter anderem von Patricia Schneidereit, die ihm beim Anziehen und bei weiteren Tätigkeiten hilft.
Persönliches Budget als Schlüssel zur Selbstbestimmung
Allein für alltägliche Verrichtungen stehen Torsten Theuerkauf rund 60 Assistenzstunden im Monat zur Verfügung, finanziert über das Persönliche Budget. Um ein möglichst barrierearmes Umfeld zu haben, zog er 2016 aus dem ländlichen Kyffhäuserkreis nach Erfurt.
„Einen Tag nach meiner Ummeldung habe ich beim Sozialamt den Antrag gestellt“, berichtet er. Ein halbes Jahr später konnte er erstmals eigene Assistentinnen und Assistenten beschäftigen.
Insgesamt arbeiten heute vier Personen für ihn. Der entscheidende Vorteil: Er ist nicht mehr an starre Zeiten eines Pflegedienstes gebunden. Als Arbeitgeber bestimmt er selbst, wann und wie ihn seine Assistenzen unterstützen – ein zentraler Baustein für ein selbstbestimmtes Leben.
Alltagshürden, die ohne Assistenz unüberwindbar wären
Die Unterstützung beginnt bei scheinbaren Kleinigkeiten. „Schon das Einräumen der Spülmaschine ist ein Problem“, erklärt Theuerkauf. „Sie steht auf dem Boden, ich kann mich aber nicht bücken.“ Ähnlich verhält es sich mit der Waschmaschine: Während er trockene Wäsche noch einräumen kann, ist das Herausnehmen der nassen, schweren Kleidung unmöglich. Diese Aufgaben übernehmen seine Assistenzen – ebenso wie Einkäufe oder andere Haushaltstätigkeiten.
Anträge, Zahlen und Erfahrungen mit Behörden
Zwischen 2018 und 2023 beantragten in Thüringen rund 790 Menschen ein Persönliches Budget. Etwa 740 Anträge wurden bewilligt, 20 abgelehnt. Gegen kommunale Bescheide gab es 37 Widersprüche, sechs Abhilfen und 15 Klagen.
Bei uns in Nordrhein-Westfalen haben die Kommunen diesen Sektor auf die beiden Landschaftsverbände übertragen.

Torsten Theuerkauf selbst berichtet von überwiegend sachlichen und lösungsorientierten Erfahrungen mit den Behörden. „Das Sozialamt arbeitet mit Steuergeldern und klaren Vorgaben“, sagt er. Wer diese kenne und erfülle, könne häufig gut zusammenarbeiten.
Vom Budget zur beruflichen Teilhabe
Der selbstbestimmte Alltag ermöglichte Torsten Theuerkauf auch den Wiedereinstieg ins Berufsleben. Heute arbeitet er als Experte für Barrierefreiheit in einem von der Aktion Mensch geförderten Projekt in der Erfurter Magdeburger Allee.
Gemeinsam mit Projektleiterin Marjan Aslanifard analysiert er Barrieren im öffentlichen Raum. Allein dort wurden über 90 Treppen an Ladengeschäften gezählt – für Menschen mit Gehbehinderungen oft unüberwindbar. Nicht überall lassen sich Rampen bauen, etwa weil sie den Gehweg blockieren würden.
„Wenn wir Barrieren nicht abbauen können, müssen wir sie kompensieren“, betont Theuerkauf. „Und genau das ist mit persönlicher Assistenz möglich.“
Während seiner Arbeitszeit wird er durch Kolleginnen und Kollegen unterstützt; diese Assistenzleistungen werden vom Integrationsamt finanziert. Trägerübergreifende Persönliche Budgets dieser Art gab es in Thüringen zwischen 2018 und 2023 insgesamt 75 Mal.
Engagement für andere Betroffene
Über die Jahre ist Torsten Theuerkauf zu einem gefragten Ansprechpartner für das Persönliche Budget geworden. In seiner Freizeit unterstützt er andere Betroffene bei der Antragstellung und teilt seine Erfahrungen.
Sein Fazit nach neun Jahren Persönlichem Budget ist eindeutig:
„Solange ich körperlich und geistig dazu in der Lage bin, ist das die Form der Unterstützung, die ich möchte.“
Mit Blick auf geplante Reformen hofft er auf weniger Bürokratie. Kürzungen der Leistungen hält er hingegen für fatal.
Einordnung aus Sicht von pro barrierefrei e.V.
Als pro barrierefrei e.V. sehen wir im Persönlichen Budget eines der wirkungsvollsten Instrumente zur Verwirklichung von Inklusion und Selbstbestimmung. Das Beispiel von Torsten Theuerkauf zeigt eindrücklich, dass es dabei nicht um „Extras“ geht, sondern um gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, beruflichen und kulturellen Leben, so Alexander Bieseke, Sprecher der gemeinnützigen Selbsthilfegruppe.
Barrierefreiheit endet nicht bei Rampen und Aufzügen. Wo bauliche oder strukturelle Barrieren bestehen bleiben, braucht es verlässliche Kompensation – insbesondere durch persönliche Assistenz. Das Persönliche Budget ermöglicht genau das, wenn es ausreichend ausgestattet, unbürokratisch zugänglich und rechtssicher umgesetzt wird.
Wir warnen daher ausdrücklich vor Kürzungen oder Einschränkungen. Sie würden nicht nur individuelle Lebensentwürfe gefährden, sondern auch Fortschritte bei Inklusion, Teilhabe und Fachkräftegewinnung zunichtemachen. Stattdessen braucht es eine Weiterentwicklung des Persönlichen Budgets: transparent, einfach und konsequent am Bedarf der Betroffenen orientiert.
Titelbild: LWL