Offener Brief an den Bürgermeister der Stadt Paderborn
Libori 2026: Ein Fest für alle – oder doch nicht?
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
das Libori-Fest 2026 war zweifellos ein großer Erfolg. Nach Ihren Angaben haben rund 1,4 Millionen Menschen das Fest besucht. Umso wichtiger ist es, dass bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung wirklich alle Menschen sicher und gleichberechtigt teilnehmen können.
Als gemeinnütziger Verein pro barrierefrei e.V. und der Verein VMB aus Paderborn mussten wir jedoch feststellen, dass die Belange von Menschen mit Behinderungen an entscheidenden Stellen nicht ausreichend berücksichtigt wurden.









Besonders kritisch waren die Fluchtwege auf dem Libori-Berg. Sie waren für Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollatoren und viele Gehbehinderte überhaupt nicht barrierefrei nutzbar. Im Falle einer Panik oder einer Massenflucht hätten gerade diese Menschen ein erheblich höheres Risiko getragen, verletzt oder von den Menschenmassen überrannt zu werden.
Sicherheit muss für alle gelten.
Bereits am Sonntag haben wir Polizei und Ordnungsamt vor Ort auf diesen Mangel hingewiesen. Am Montag darauf haben wir die Situation Ihrem Ordnungsamt telefonisch gemeldet und erneut der Polizei vor Ort am Mittwoch erläutert und auch Sie persönlich schriftlich informiert. Es blieb nicht nur eine dringend gebotene kurzfristige Nachbesserung aus, sondern bis zum heutigen Tag eine schriftliche Reaktion des Ordnungsamtes.
Dabei hätte eine einfache Lösung genügt: Kleine Asphalt- oder Teerrampen an den Bordsteinen hätten die Fluchtwege innerhalb weniger Stunden barrierefrei gemacht. Solche Arbeiten wären problemlos nach Veranstaltungsende möglich gewesen.

Am Freitag haben wir die Problematik außerdem mit dem nordrhein-westfälischen Innenminister, der in Bad Driburg zu Gast war, persönlich besprochen. Er zeigte sich über den geschilderten Sachverhalt überrascht und kündigte an, dass wir uns an sein Ministerium wenden sollen, falls die Stadt Paderborn künftig keine Lösung herbeiführt.
Positiv hervorheben möchten wir die mobilen Rollstuhltoiletten. Allerdings waren diese zunächst durch Kartons und Reinigungsmaterialien zugestellt und somit nicht nutzbar. Erst nach unserer Meldung wurden sie erfreulicherweise kurzfristig freigeräumt. Dieses Beispiel zeigt, dass Verbesserungen möglich sind, wenn Hinweise ernst genommen werden.



Auch die historische Pflasterung rund um den Alten Domplatz bleibt eine erhebliche Barriere. Niemand fordert, den Denkmalschutz infrage zu stellen. Andere Städte beweisen jedoch längst, dass sich Denkmalschutz und Barrierefreiheit miteinander verbinden lassen – durch dezent gestaltete, gut befahrbare Wege.
Ein Blick auf die Zahlen macht deutlich, warum dieses Thema nicht nur wenige Menschen betrifft: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten Ende 2025 rund 7,8 Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung in Deutschland – 9,4 Prozent der Bevölkerung. Überträgt man diesen Anteil auf die Besucherzahl des Libori-Festes, könnten statistisch weit über 100.000 Besucherinnen und Besucher mit einer Schwerbehinderung an Libori teilgenommen haben. Hinzu kommen ältere Menschen, Familien mit Kinderwagen und Menschen mit vorübergehenden Mobilitätseinschränkungen.
Barrierefreiheit ist deshalb keine Sonderforderung einer kleinen Minderheit. Sie ist Voraussetzung für Sicherheit, Teilhabe und Chancengleichheit.
Wir fordern Sie auf, gemeinsam mit Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt, dem VMB und pro barrierefrei e.V. ein verbindliches Konzept zu entwickeln, damit Flucht- und Rettungswege künftig ausnahmslos barrierefrei gestaltet werden.
Ein Sicherheitskonzept, das Menschen mit Behinderungen nicht mitdenkt, ist nicht vollständig.
Barrierefreiheit ist kein Luxus. Sie ist ein Grundrecht. Ein Fest wie Libori sollte ein Fest für alle sein.
Mit freundlichen Grüßen
pro barrierefrei e.V.
VMB Paderborn